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Poesie im therapeutischen Kontext

Wie nutzt man Poesie therapeutisch? Eine Aufteilung von therapeutischer Intervention in ressourcenorientiert und konfliktzentriert ist hierbei wichtig und hilfreich. In meinem Arbeitskontext – tagesklinische Akut-Psychiatrie – steht vor allem das ressourcenorientierte Arbeiten mit Poesie im Vordergrund. Das konfliktzentrierte Vorgehen, bezieht sich auf das Aufgreifen von Problematiken innerhalb der Persönlichkeitsstrukturen von Menschen und wird von mir in einem weiteren Artikel separat aufgenommen. Ziele der ressourcenorientierten Intervention sind:

  • Erleben von sprachlichen Fähigkeiten ermöglichen
  • Entdecken von Möglichkeiten des individuellen (Selbst)Ausdrucks
  • Regulierung und Entlastung des Denkens
  • Möglichkeiten der Sagbarkeit explorieren und erleben
  • Fokussierung positiver Aspekte der eigenen Person und des eigenen Lebens
  • Intellektuelle Stimulierung
  • Emotionale Stimulierung
  • Fördern von Empathiefähigkeit
  • Selbstbezug fördern

Viele der Patientinnen und Patienten, die zu mir in die Schreibwerkstatt sowie in die Integrative Literaturtherapie kommen, sind der Auffassung, dass sie nur geringe oder keine kreativsprachlichen Fähigkeiten haben. Andere berichten, dass ihr aktives Schreiben schon in der längeren Vergangenheit liegt. Wieder andere, haben eine lebendige und aktive Beziehung zum kreativen Schreiben. Wir reden in der Integrativen Poesie- und Bibliotherapie auch von prozessorientiertem Schreiben, da das Augenmerk auf dem individuellen Schreibprozess des Einzelnen liegt und nicht auf dem Erreichen einer bestimmten Ergebnisidee.

Entsprechend dem tetradischen System der Integrativen Therapie, steht zu Beginn die Initialphase, in welcher die leibliche Stimulierung des Menschen im Fokus steht. Betrachten wir diesbezüglich einmal das Vorlesen eines Gedichts und das Erfassen von Resonanz der Gegenüber. Ich nutze u. a. das Gedicht «War da was» von Hans Magnus Enzensberger als kontemplativen Einstieg. Zur besseren Anschaulichkeit zitiere ich es vollständig.

Da war etwas Gutes
vorhin
woanders
Schade
dass es so schwer ist
sich an etwas Gutes
zu erinnern
Zu wissen
wie es wirklich war
wie wirklich es war

Es war, glaube ich
etwas ganz Gewöhnliches
Wunderbares
Ich habe es
glaube ich, gesehen
oder gerochen
oder angefasst.

Aber ob es groß
oder klein war
neu oder alt
hell oder dunkel
das weiß ich nicht mehr

Nur, dass es besser war
viel besser
als das, was da ist
das weiß ich noch

Welche Resonanz entsteht bei dir als Leser oder Leserin? Was klingt an? Welche Bilder und Gefühle werden evoziert durch das Lesen dieses Gedichts? In der Gruppentherapie ist das Vorlesen als sinnliche Erfahrung, im Vergleich zum stillen Lesen, sehr bedeutend. Der Klang meiner Stimme, die Geschwindigkeit meines Vorlesens, mein Betonen und mein eigenes Mitschwingen sind von grosser Bedeutung – dadurch entsteht Atmosphäre und schliesslich die Möglichkeit für atmosphärisches Erleben. Ich als Therapeut fühle mich ein in das Gedicht, während ich es vorlese oder gar frei rezitiere und lade dann die anderen ein, sich hineinzufühlen. Hier kommen die oben aufgelisteten Interventionsziele: Förderung der Empathiefähigkeit, emotionale Stimulierung und intellektuelle Stimulierung zum Tragen. Als Vorlesender bin ich Teil des Initialprozesses im Sinne eines Wirkfaktors. Was von mir stimmlich, emotional und atmosphärisch ausgeht, beeinflusst meine Gegenüber. In der Integrativen Therapie reden wir dann von Zwischenleiblichkeit. Aber auch mein persönliches Empfinden hin zum Gedicht kann im Austausch mit der Gruppe sichtbar werden, es findet Intersubjektivität statt. Resonanzen fallen sehr unterschiedlich aus und es lässt sich nur vage vorhersagen, wie ein Gedicht wirken wird. Zudem es eben nicht nur die geschriebenen Worte sind, sondern auch das individuelle Vortragen des Gedichts, dass die Wirkung auf die Gegenüber beeinflusst. Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, als Therapeut oder Therapeutin, den Anteil des eigenen Wirkens beim Vortragen eines Textes nicht zu unterschätzen. Der therapeutische Prozess über einen Text passiert nicht ausserhalb von uns als Therapeuten, sondern sowohl mit als auch durch uns.

Das Gedicht «War da was», bringt mir thematisch das «im Moment sein» sowie «Momente festhalten können» nahe. Gefühle, die es bei mir weckt, sind Wehmut, Sehnsucht, Dankbarkeit und Staunen. Auch bringt es mich zum Nachdenken über die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Ich würde es als Prosagedicht bezeichnen, da es keinem festen sprachlichen Regelwerk folgt. In der Therapie greife ich auf dieses Gedicht bezogen, das Thema Achtsamkeit auf. Ich lade ein zum Rückblick auf den bisher verlaufenen Morgen (da die Therapie am Vormittag stattfindet) und «was da war», an schönen oder gar wunderbaren Ereignissen. Hierbei soll es, wie im Gedicht beschrieben, um «etwas ganz Gewöhnliches, Wunderbares» gehen. Als Gedichtform für die Verschriftlichung, biete ich das Wachsgedicht an, welches als lyrische Form sehr prägnant Momente erfassen kann. Ein Beispiel:

Weg
Weg am Fluss
Ebener Weg am Fluss
Ebener Weg am Fluss und rauschende Wellen
Wandergenuss

Der Wiederholungscharakter des Verses erlaubt Vertiefung und Fokus auf den betreffenden Erlebnismoment. Hier kommen nebst der Förderung des Selbstbezugs, sehr viele der anderen Interventionsziele zum Tragen. Ich lade nach Beendigung des Schreibens, grundsätzlich zum freiwilligen Teilen ein und wertschätze das Geteilte – nach Möglichkeit mit einer authentischen Resonanz meinerseits.

Sehr oft erlebe ich, dass Patienten überrascht davon sind, was sie zu Papier bringen konnten und auch, wie sie erfreut werden, von bestärkenden Rückmeldungen der Mitpatienten (die nicht zwingend stattfinden, jedoch sehr häufig). Dieses Erleben von eigener Wirksamkeit, sowie der Solidaritätserfahrung in einer Gruppe, sind wichtige Aspekte im Wiedererlangen von Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit, und das wiederum, ist meist das Kernanliegen des ressourcenorientierten Arbeitens in meinem Bereich.

Als Schlussgedanken möchte ich anbringen, dass eine fortlaufende Beschäftigung mit Poesie, sei dies durch eigenes Lesen oder Poesie selbst schreiben, von grosser Bedeutung für eine gelingende Therapie mit diesem Medium ist.

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